DAS PHILOSOPHISCHE KABINETT

28.05.2010, 21:00–22:30

Dozent:

Prof. Dr. Uwe Gerber, Technische Hochschule Darmstadt und Universität Basel


Nach den zurückliegenden ersten drei Abenden des Philosophische Kabinetts, bei denen es um Arthur Schopenhauer und Søren Kierkegaard ging, kommt an den beiden Fortsetzungsabenden der Dritte des philosophischen Dreigestirns zu Wort, dessen Name und Gedankenwelt – aus gutem Grund – schon im Rahmen der früheren Kontexte so hartnäckig aufblitzte, dass der entsprechende weiterführende Wunsch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer geradezu in der Luft lag: Friedrich Nietzsche (1844 – 1900).

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Wolfgang Röd:

 „1872 erschien Nietzsches erstes Buch: ‚Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik’, das ihn bei vielen Philologen in Mißkredit brachte und das eine heftige Kontroverse auslöste. Richard Wagner und Cosima waren dagegen von der Schrift höchst angetan – verständlicherweise, handelte es sich doch um eine Huldigung an Wagner. In den Reaktionen auf die Veröffentlichung trat bereits jene Gegensätzlichkeit zutage, die sich später in bezug auf Nietzsche immer deutlicher zeigen sollte: Seine Gedanken wurden von philologischen und philosophischen Fachleuten meist abgelehnt oder ignoriert, fanden aber Anklang bei Laien, die in ihnen den Ausdruck einer neuen Weltanschauung erblickten. Zwischen 1873 und 1876 erschienen die ‚Unzeitgemäßen Betrachtungen’, unter denen die Abhandlungen ‚Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben’ und ‚Schopenhauer als Erzieher’ philosophisch am interessantesten sind. 1878 trat, vor allem wegen weltanschaulicher Meinungsverschiedenheiten, aber wohl auch auf Grund unterschiedlicher ästhetischer Auffassungen, eine Entfremdung zwischen Nietzsche und Wagner ein. Nietzsche war im Begriffe, sich von seinen idealistischen Anfängen ab- und naturalistischen Auffassungen zuzuwenden, wie er sie bei dem Psychologen Paul Rée (1849-1901) fand. Nietzsches naturalistische Denkweise kam klar zum Ausdruck in den 1878 und 1880 publizierten beiden Bänden des Werkes ‚Menschliches, Allzumenschliches’, bald danach in der ‚Morgenröte’ (1881) und der ‚Fröhlichen Wissenschaft’ (1882). In diese Zeit fällt Nietzsches Bekanntschaft mit Lou von Salomé, um die er vergeblich warb und die später ein wichtiges Buch über Nietzsche schreiben sollte. Zwischen 1883 und 1885 erschienen die vier Teile des ‚Zarathustra’, Teil IV allerdings als Privatdruck, da sich kein Verleger mehr fand. 1886 folgten ‚Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der Zukunft’ und ‚Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift’. Im Jahre 1888 entstanden ‚Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem’, ‚Ecce Homo. Wie man wird, was man ist’ und der ‚Antichrist. Fluch auf das Christentum’. Diese Werke lassen bereits Nietzsches Geisteskrankheit ahnen, deren Anfänge allerdings weiter zurückliegen dürften.

Seit der zweiten Hälfte der achtziger Jahre dachte Nietzsche an ein Hauptwerk, zu dem der ‚Zarathustra’ gleichsam die ‚Vorhalle’ bilden sollte. Daß er einen klaren Plan vor Augen hatte, muß bezweifelt werden; dennoch darf man davon ausgehen, daß er seine Philosophie in einem systematischen Werk metaphysisch begründen wollte. Die im Zusammenhang mit diesem Plan entstandenen Notizen bilden das Material des von Nietzsches Schwester kompilierten Werkes ‚Der Wille zur Macht’; sie wurden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kritisch ediert und von Verfälschungen gereinigt.

Um die Jahreswende 1888/1889 brach Nietzsches Geisteskrankheit voll aus. Nietzsche lebte bis 1900 in geistiger Umnachtung, meist in familiärer Pflege; er starb am 25. August 1900 in Weimar. Die Frage nach der Natur seiner Krankheit wurde viel diskutiert. Wahrscheinlich handelte es sich um Progressive Paralyse infolge einer Syphilis-Infektion.“

 

Wolfgang Röd: Der Weg der Philosophie Bd. 2; München 12000, S. 371 f.

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