Vortrag: "Geheimnisse und Tabus im Alltagsleben"

29.06.2011, 19:00

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Prof. Dr. Bruno Hildenbrand
Friedrich Schiller Universität Jena
Institut für Soziologie

 

Zum Vortrag:

„...Anders als der Skandal, der bewusst in den Medien ‚gesteuert’" werden kann, funktioniert ein Tabu weit-gehend unbewusst - es artikuliert unbestimmte, historisch geprägte und subjektiv höchst unterschiedlich wahrgenommene Abwehrmechanis-men und kollektive Ängste, die um so intensiver werden, je bewusster die Verletzung des Tabus wahrgenommen wird...

Tabus dürfen nicht mit Verboten verwechselt werden. Ein Unterschied zwischen direkt verbotenen und tabuisierten Handlungen besteht darin, dass über Verbote durchaus gesprochen werden kann, sie z.B. nach einer rationalen Begründung hinterfragt werden können. Tabus aber stehen außerhalb jeder Diskussion, da sich die tabuisierte Handlung quasi von selbst verbietet. Bekannt ist dieses Phänomen bei Nahrungstabus und in der Sozialisation des Kleinkindes, dem schon sehr früh bestimmte Handlungen und Berührungen durch Äußerungen wie 'Das macht man nicht', 'Das gehört sich nicht' etc. untersagt werden.

Ein Tabu konstituiert dabei, allgemein formuliert, einen Ort der Ausgrenzung von sozialen Übereinkünften ... Das, was eine Gesellschaft - bewusst oder unbewusst - als Tabu behandelt (z.B. die Darstellung von Gewalt), ist dabei genau das, was sie aus dem öffentlichen Gespräch ausgrenzen muss, weil sie es nicht zulässt oder selbst wagt, über diese (Tabus) öffentlich zu sprechen. …

Ein Geheimnis kann Geheimnis bleiben. Ein Tabu ist dagegen ein Gebot, das durchbrochen werden muss. Einem Tabu kann niemand ausweichen. Gegenüber der Verletzung eines Tabus muss man, so oder so, Position beziehen. Man kann aber auch erkennen, wie das Tabu selbst auf uns und in uns wirkt. Ein Tabu wirkt in einer Art Selbstauferlegter Stummheit - wer etwa glaubt, dass man über Gewalt nur in einer bestimmten (z.B. moralisierenden) Weise öffentlich sprechen darf, gibt damit zu verstehen, dass er grundsätzlich nicht über andere Wahrnehmungen / Wertungen von Gewalt sprechen möchte. Er möchte an dem Tabu, das die Gesellschaft errichtet hat, aus welchen Gründen auch immer, festhalten...“

Quelle: Michael Kröger (http://www.kunstlinks.org/material/kroeger/tabu)

 

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